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Die Jahresüberprüfung

In vie­len Luft­sport- bzw. Flug­sportvereinen wird zum Be­ginn der jähr­li­chen Flug­sai­son bei Mit­glie­dern ei­ne so­ge­nann­te Jah­re­sü­ber­prü­fung durch­ge­führt. Oft­mals ist das Ab­sol­vie­ren die­ser Jah­re­sü­ber­prü­fung Vo­raus­set­zung, dass das Ver­eins­mit­glied die ver­ein­sei­ge­ne Tech­nik (Se­gel­flug­zeu­ge, Motorflugzeuge, UL-Flugsportgeräte) nut­zen darf.

Die­ser Ar­ti­kel be­schäf­tigt sich mit dem Ab­lauf und dem Recht­scha­rak­ter der Jahresüberprüfung. Die Jahrensüberprüfung ist nicht zu ver­wech­seln mit der Jah­res­nach­prü­fung, § 15 der Ver­ord­nung zur Prü­fung von Luft­fahrt­ge­rät (Luft­Ge­rPV). Nach die­ser Vor­schrift sind im Zeit­ab­stand von zwölf Mo­na­ten Luftfahrzeuge. auf Luft­tüch­tig­keit zu über­prü­fen. Kurz ge­sagt: Die Jah­res­nach­prü­fung be­fasst sich mit der Tech­nik, die Jah­re­sü­ber­prü­fung mit dem Fak­tor Mensch.

1. Vor­be­mer­kun­gen

Ei­ne Jahresüberprüfung sehen, zu­min­dest für Pri­vat­pi­lo­ten, we­der das Luft­ver­kehrs­ge­setz noch die Ver­ord­nung über Luft­fahrt­per­so­nal (Luft­PersV) vor. Auch die Li­zen­zie­rungs­vor­schrif­ten der JAR-FCL 1 deutsch Sowie der EU-FCL ken­nen ei­ne Jah­re­sü­ber­prü­fung nicht. Die Jah­re­sü­ber­prü­fung wird im Fol­gen­den “JÜ” ge­nannt. Le­dig­lich § 122 Abs. 1 Luft­PersV, auch be­kannt als “90-Ta­ge-Re­gel”, ver­langt als Vo­raus­set­zung für die Mit­nah­me von Flug­gäs­ten ei­ne be­stimm­te Flug­er­fah­rung, näm­lich drei Starts und drei Lan­dun­gen mit ei­nem Luft­fahr­zeug der­sel­ben Klas­se, des­sel­ben oder ähn­li­chen Mus­ters bzw. der Art des Luft­sport­ge­rä­tes in­ner­halb der vor­her­ge­hen­den 90 Ta­ge.

Es han­delt sich in den meis­ten Fäl­len um ver­ein­sin­ter­ne Re­ge­lun­gen. Da­nach dar­f ein Ver­eins­mit­glied die ver­ein­sei­ge­nen Flug­zeu­ge nur be­nut­zen, wenn die Jah­re­sü­ber­prü­fung ab­ge­legt und im Flug­buch do­ku­men­tiert wur­de.

In den meis­ten Ver­ei­nen wer­den die JÜs von Flu­gleh­rern abgenommen, die sich ih­rer­seits ge­gen­sei­tig zu­vor über­prüft ha­ben.

Manch­mal wer­den auch er­fah­re­ne und in Übung ste­hen­de Li­zen­zin­ha­ber als “Si­cher­heits­pi­lo­ten” auf dem rech­ten Sitz mit­ge­nom­men. Die Zu­läs­sig­keit ei­nes Li­zen­zin­ha­bers als “Si­cher­heits­pi­lot” ist um­strit­ten. Es wird teil­wei­se die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass der “Si­cher­heits­pi­lot” Flug­gast im Sin­ne von § 122 Abs. 1 Luft­PersV ist. Wenn das so wä­re, dann müss­te der zu über­prü­fen­de Pi­lot zu­vor be­reits drei Starts und Lan­dun­gen auf ei­nem Luft­fahrzeug der­sel­ben Klas­se oder des­sel­ben Mus­ters ab­sol­viert ha­ben. Aber in so ei­nem Fall bräuch­te der zu über­prü­fen­de Pilot kei­ne Jah­re­sü­ber­prü­fung mehr. Es spricht viel­mehr vie­les da­für, dass ein “Si­cher­heits­pi­lot” nicht “Flug­gast”, son­dern als “Be­sat­zung” an­zu­se­hen ist.

Auf den Streit soll aber nicht wei­ter ein­ge­gan­gen wer­den. Wir ge­hen im Fol­gen­den da­von aus, dass an der JÜ auf dem rech­ten Sitz ein Flu­gleh­rer teil­nimmt.

2. Ab­lauf der JÜ

Zu­nächst über­prüft der Flu­gleh­rer die Do­ku­men­te. Da­nach er­folgt der prak­ti­sche Teil. Der Flugleh­rer kon­trol­liert da­bei u. a. Fol­gen­des:

- Gül­tig­keit der Li­zenz

- Gül­tig­kei­t der Klas­sen­be­rech­ti­gung

- Gül­tig­keit des Taug­lich­keits­zeug­nis­ses

- Gül­tig­keit der Zu­ver­läs­sig­keits­ü­ber­prü­fung, so­fern er­for­der­lich.

- Gül­tig­keit wei­te­rer Be­rech­ti­gun­gen, so­fern be­fris­tet (z. B. Lehr­be­rech­ti­gung)

Im prak­ti­schen Teil der JÜ wer­den zu­nächst zwei Platz­run­den ge­flo­gen. Wäh­rend des drit­ten Flu­ges wer­den “ano­ma­le Flu­gla­gen” wie­der­holt bzw. ge­übt. Ge­gen­stand der JÜ kön­nen fol­gen­de Ele­men­te sein, so­fern das Luft­fahr­zeug da­für zu­ge­las­sen ist:

- Steig­spi­ra­le/Gleit­spi­ra­le

- Kreis­flü­ge mit Über­lei­ten, 30° bzw. 45° Schräg­la­ge

- Flug mit Min­dest­ge­schwin­dig­keit mit/oh­ne Landeklappen

- Durch­sa­cken mit/oh­ne Trieb­werks­leis­tung

- Ab­rut­schen/Abkippen

- Sei­ten­gleit­flug (Slip)

Den Ab­schluss der JÜ bil­det ei­ne Ziel­lan­de­ü­bung oh­ne Trieb­werks­hil­fe. Mit der Lan­dung des drit­ten Flu­ges ist die JÜ be­en­det. Das Ab­sol­vie­ren der JÜ wird vom Flu­gle­hrer im Flug­buch ver­merkt. Der Flu­gleh­rer kon­trol­liert au­ßer­dem, ob das Flug­buch ord­nungs­ge­mäß ge­führt wird.

3. Recht­scha­rak­ter der JÜ

Das flie­ge­ri­sche Ge­fühl ist be­kannt­lich ein Trai­nings­zus­tand. Wer viel fliegt, hält sich in Übung. Ei­ne län­ge­re Flug­pau­se, ge­ra­de im Win­ter­halb­jahr, führt da­zu, dass der flie­ge­ri­sche Trai­nings­zustand nicht op­ti­mal ist. Un­ter Si­cher­heits­a­spek­ten ist es da­her sin­nvoll, die ers­ten Starts der Sai­son zu­sam­men mit ei­nem Flu­gleh­rer durch­zu­füh­ren. So­fern beim be­tref­fen­den Pi­lo­ten er­for­der­lich, kann die JÜ gleich mit ei­nem even­tu­ell not­wen­di­gen Übungs­flug zur Auf­recht­er­hal­tung der Klas­sen­be­rech­ti­gung (JAR-FCL 1.245[c][1][ii] [c]), kom­bi­niert wer­den.

Die Über­prü­fung der Gül­tig­keit der Li­zenz, der Klas­sen­be­rech­ti­gung und des Me­di­cals so­wie ggf. wei­te­rer vor­han­de­ner Be­rech­ti­gun­gen hat aber auch für den Ver­ein als ju­ris­ti­sche Per­son und Hal­ter des Luft­fahr­zeu­ges Vor­tei­le:

Ge­ra­de in letz­ter Zeit häu­fen sich die Fäl­le, bei de­nen Pi­lo­ten ver­se­hent­lich trotz ab­ge­lau­fe­ner Li­zenz/Klas­sen­be­rech­ti­gung/Me­di­cal ein Luft­fahr­zeug ge­führt ha­ben. Kommt es beim Be­trieb mit dem Luft­fahr­zeug zu ei­nem Un­fall und es stellt sich he­raus, dass der Pi­lot kei­ne gül­ti­ge Li­zenz hat­te, ist u. U. die Luft­fahrt-Haft­pflicht­ver­si­che­rung des be­tref­fen­den Luft­fahr­zeu­ges von ih­rer Ver­pflich­tung zur Zah­lung be­freit. Die Scha­dens­er­satz­pflicht trä­fe dann den Luft­fahr­zeug­hal­ter, al­so ggf. den Luft­sport­ve­rein.

Ab­schlie­ßend stellt sich noch die Fra­ge, ob es sich bei dem ge­nann­ten Flug­e­le­men­ten um Kunst­flug han­delt. Wenn das so wä­re, wür­de zu­nächst der Pi­lot ei­ne Kunst­flug­be­rech­ti­gung, § 81 Ver­ord­nung über Luft­fahrt­per­so­nal (Luft­PersV), be­nö­ti­gen. Für die Durch­füh­rung von Kunst­flü­gen müs­sen aber noch wei­te­re Vo­raus­set­zun­gen vor­liegen, die in § 8 der Luft­ver­kehrs-Ord­nung (Luft­VO) ge­re­ge­lt sind. Es müs­sen z. B. die Sicht­flug­be­din­gun­gen vor­han­den sein und Kunst­flü­ge be­dür­fen, so­weit sie in der Um­ge­bung von Flug­plät­zen oh­ne Flug­ver­kehrs­kon­trolls­tel­le durch­ge­führt wer­den, der Zu­stim­mung der Luf­tauf­sichtss­tel­le und ei­ner Flug­ver­kehrs­kon­troll­frei­ga­be.

Kei­ne Zwei­fel be­ste­hen da­rin, dass Steil­krei­se, Steig­spi­ra­le/Gleit­spi­ra­le, Flü­ge mit Min­dest­ge­schwin­dig­keit, Sei­ten­gleit­flug so­wie Durch­sa­cken kei­ne Kunst­flug­ma­nö­ver dar­stel­len. Die­se Flug­zus­tän­de kön­nen auch im “Nor­mal­flug” mit je­dem Luft­fahr­zeug aus­ge­führt wer­den. Nicht so ein­deu­tig ist die Fra­ge zu be­ant­wor­ten bei dem Ele­ment Ab­rut­schen/Ab­kip­pen.

Was ist ei­gent­lich Kunst­flug?

Das Ge­setz de­fi­niert den Be­griff “Kunst­flug” nicht. Nur die Be­kannt­ma­chung zur Ge­neh­mi­gung von öf­fent­li­chen Ver­anstaltungen nach § 24 Luft­ver­kehrs­ge­setz (Luft­fahrt­ve­rans­tal­tun­gen), zu­letzt ge­än­dert durch Be­kannt­ma­chung vom 08.06.2006 (NfLI-164/06), de­fi­niert un­ter 2.1:

“Kunst­flug sind von ei­nem Luft­fahr­zeug ab­sicht­lich aus­ge­führ­te Flug­be­we­gun­gen, die mit ei­ner plötz­li­chen Än­de­rung der Flu­gla­ge, ei­ner an­or­ma­len Flu­gla­ge oder ei­ner an­or­ma­len Ge­schwin­dig­keits­än­de­rung ver­bun­den sind. Als Kunst­flug sind ins­be­son­de­re an­zu­se­hen, un­ab­hän­gig da­von, ob po­si­tiv oder ne­ga­tiv ge­flo­gen wird, und un­ab­hän­gig von Dreh- und Roll­rich­tung: Über­schlä­ge, Tru­deln, Turns, Männ­chen, Rol­len, Kom­bi­na­tio­nen aus vor­ge­nann­ten Fi­gu­ren so­wie Mes­ser und Rü­cken­flug.”

Das Ab­rut­schen/Ab­kip­pen ist si­cher­lich mit ei­nem kurz­zei­ti­gen Strö­mungs­a­briss auf ei­nem Teil der Trag­flä­che und auch ei­ner Rich­tungs­än­de­rung bzw. mit ei­nem Hö­hen­ver­lust ver­bun­den. Gleich­wohl sind die­se Än­de­run­gen der Flu­gla­ge nicht so gra­vie­rend, als dass man dies als Kunst­flug und da­mit un­ter Ge­neh­mi­gungs­vor­be­hal­t stel­len müss­te.

4. Fa­zit

Ei­ne JÜ zu Be­ginn der Flug­sai­son nach län­ge­rer Flug­pau­se un­ter Mit­wir­kung ei­nes Flu­gleh­rers ist recht­lich un­pro­blema­tisch zu­läs­sig. Sie ist im Hin­blick auf haf­tungs­recht­li­che As­pek­te sinn­voll. Die JÜ als prak­tis­ches Ele­ment er­höht die Flug­si­cher­heit und ver­rin­gert da­mit das Un­fall­ri­si­ko.

© Mat­thias Pöhlmann, Rechts­an­walt 


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